
GDL-Ortsgruppe Bodensee-Neckar
Der Vorgang zeigt deutlich die tiefe Verachtung, die dieser verwaltungslastige Arbeitgeber und seine ihm treu ergebene Hausgewerkschaft für jene Beschäftigten empfinden, die im und am Zug arbeiten. Lasst Lokomotivführer und Zugbegleiter, Gastronomen, Disponenten, Instruktoren und Trainer, Fahrdienstleiter, Wagenmeister, Signaltechniker, Aufsichten und alle anderen Mitarbeiter des direkten Personals doch schuften und gebt ihnen dann auch noch einen Tritt in den Allerwertesten
— so die herrschende Denkweise im Konzern. Zugleich sitzen die unzähligen Mitarbeiter der aufgeblähten Verwaltung in der Sicherheit ihres kuscheligen Homeoffce und erstellen bunte Powerpoint-Projekte, die die Eisenbahn kein Stück weit voranbringen. Das nehmen wir nicht länger hin.
Natürlich war uns schon immer bewusst, dass unser Wirken vom Herzstück der Eisenbahn, dem Netz, abhängig ist.
Doch dieses Kernstück haben wir in der Vergangenheit nie verwaltet, sondern die Zugehörigkeit zum Bereich der EVG stets als gegeben hingenommen. Wir lebten in dem Bewusstsein, dass die Erweiterung unserer Zuständigkeit einer Kampfansage an die DB und ihre Hausgewerkschaft gleichkäme— und das lag, zumindest an dieser besonderen Stelle, bislang nicht in unserer Absicht. Aber nach dem jüngsten und bei Weitem nicht ersten Angriffvon DB und EVG auf unsere Existenz und der Absicht, das Tarifeinheitsgesetz (TEG) gegen uns anzuwenden, ist Schluss mit der so lange geübten, selbstauferlegten Zurückhaltung. Das Maß ist voll.
Natürlich stellt sich angesichts der Umsetzung des TEG durch den Arbeitgeber die Frage: Wer hat die Macht in den Betrie-ben? Und natürlich wird die DB über diese Frage entscheiden, ohne zu zählen, und stattdessen den Versuch unternehmen, ihr genehme Mehrheiten nach Belieben zurechtzuschneiden. Wir werden damit umzugehen wissen. Fakt ist: Es handelt sich hierbei um eine Kampfansage und ein Machtspiel, bei dem der Arbeitgeber davon ausgeht zu gewinnen. Und ja — die einzig wirksame Abwehr gegen das TEG ist es, Mehrheitsgewerkschaft zu werden. Dafür wollen und werden wir Mitarbeiter weiterer Bereiche als Mitglieder gewinnen.
Doch bei der angestrebten Erweiterung unseres Wirkungsbereiches handelt es sich nicht nur um die bloße Arithmetik der Macht oder ein abstraktes Zahlenspiel. Es hängt, wie uns allen deutlich bewusst ist, weit mehr daran. Mit dem Untergang unserer Tarifverträge in den Betrieben gingen die Erosion hervorragender Errungenschaften und der Niedergang der GDL einher. Zudem existiert mit der EVG eine verantwortungslose „Gewerkschaft" beziehungsweise eine Einkommens Verringerungs-Gesell-schaft, die mit dem Arbeitge-ber schlechte Tarifverträge für das Gesamtgefüge abschließt.
Die gestaltende Kraft GDL soll wegfallen.
Grundlage all unserer Arbeitsplätze ist das System Eisenbahn. Doch weil dort weit überwiegend nur Jasager und Abnicker sitzen, ist das Gesamtsystem in Gefahr. Deshalb haben wir uns entschieden, umfassende Verantwortung zu übernehmen,um das leidende Eisenbahnsystem wieder zu ertüchtigen. Zum Schutz der Infrastruktur übernehmen wir auch die Verantwortung für die Eisenbahninfrastrukturunternehmen. Wir öffnen uns mithin auch für jene Kollegen, die die Infrastruktur abbilden, und führen somit zusammen, was ohnehin zusammengehört. Als starke Gewerkschaft sorgen wir zudem dafür, dass die neu hinzukommenden Kollegen und deren Interessen innerhalb der GDL mittels einer eigenen Tarifstruktur abgebildet werden. So schaffen wir die Tariffähigkeit der anderen Berufsgruppen unter der Tarifführerschaft der GDL.
Wir Sind zuversichtlich, das angestrebte Ziel zu erreichen. Unser Optimismus ist wohlbegründet und basiert nicht allein auf den bereits seit dem Frühjahr 2020 stetig steigenden Beitrittszahlen oder dem uns vorauseilenden Nimbus als entscheidende Kraft am Markt. Vielmehr kommt hinzu, dass wir seit vielen Jahren Mitglieder aus anderen Bereichen haben, um die wir uns aufgrund der eingangs geschilderten Erwägungen nicht kümmern konnten. Dieses Hindernis existiert nun nicht mehr — die Tür zur GDL ist zur Freude vieler Kollegen des direkten Personals nun endlich weit offen.
0b in den Werkstätten, bei DB Station und Service oder an anderer Stelle im Konzern:
Dort herrscht seit Jahren eine tiefe Unzufriedenheit mit der EVG, die ihrem Ruf als „Einkommens-Verringerungs-
Gesellschaft" zum Leid der Beschäftigten alle Ehre macht. Zu sehen, dass sich im eigenen Bereich nichts tut, während die GDL die Tarifverträge der Lokomotivführer und Zugbegleiter kontinuierlich verbessert, muss für die Betroffenen extrem frustrierend gewesen sein. Kein Wunder, dass sich viele Beschäftigte von der EVG schlecht beziehungsweise gar nicht vertreten fühlten. Kein Wunder auch, dass oft der Satz zu hören war: „Wir würden zu euch kommen, wenn ihr uns vertretet."
Mancher berichtet auch davon wie es war, als eine Art Exot jahrelang GDL-Mitglied in einer von uns damals noch nicht tarifierten Berufsgruppe zu sein. Die GDL wurde als Familie empfunden und diente als Anker und Stütze angesichts unzureichender Ar beitsbedingungen und der Anfeindung durch die EVG und den Arbeitgeber. Doch trotz aller Widrigkeiten blieben die Kollegen auch in der gewerkschaftlichen Diaspora beharrlich bei der Stange — stets auf eine Änderung der Verhältnisse hoffend. Doch nun können sie sich offen zur GDL bekennen und endlich aktiv an der Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen mitwirken. Vielen ging, wie man hört, bei dieser Aussicht regelrecht das Herz auf, bedeutet es doch das Ende einer langen Leidenszeit.
Die Kollegen wünschen sich eine Gewerkschaft, die zu ihren Mitgliedern steht und deren Interessen konsequent vertritt. Sie wollen eine Gewerkschaft, die für eine gerechte Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen und die Anerkennung der Eisenbah nerberufe eintritt. Sie wollen keine neue Gewerkschaft, sondern eine starke Gewerkschaft — und das ist die GDL.
Wo also geht die Reise hin? Klar ist: Wir werden Tarif- und Sozialpolitik auch in den nächsten Jahrzehnten erfolgreich gestalten. Unser Appell an die Kollegen des direkten Personals lautet: Kommt in die GDL, wir haben Freiheit für eure Vorstellungen.
Und schließlich gilt, und das ist nicht das Geringste: Wir ernüchtern all jene, die glauben, sie kriegen uns klein. Stattdessen machen wir den großen Sprung nach vorne, zum Wohle aller echten Eisenbahner in dieser Republik.
S.M.