GDL

GDL-Ortsgruppe Bodensee-Neckar



*** Unzureichende Internetverbindung - Offlineseite vom 15.05.2023 - 05:22   ? ***

Fragen an Antje Böttcher

Boettcher1

Vorsitzende des Verbands Deutscher Eisenbahnfachschulen e.V. (VDEF)
Antje Böttcher.
Nach ihrem naturwissenschaftlichem Studium für das Lehramt an Gymnasien und dem anschließenden zweiten Staatsexamen wechselte sie 1997 zum VDEF und übernahm kurze Zeit danach die Leitung des VDEF-Bildungszentrums Halle (Saale). Seit 2011 ist Frau Böttcher Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes des VDESF. Seit 2015 ist sie Verbandsvorsitzende.

Der Markt ist für Lokomotivführer seit Jahren leergefegt und der Bedarfsteigt. Wie viele Lokomotivführer bildet der VDEF aktuell aus und wie viele fehlen?

Rund 300 jährlich. Das reicht bei Weitem nicht, um den Bedarf zu decken.

Die Bundesagenturfür Arbeit und die Jobcenter versuchen alles, um Quereinsteigerfür den Beruf zu begeistern. Zwischen 20 OOO und 33 OOO Euro kostet jede Umschulung zum Lokomotivführer, die zwischen neun und zwölfMonate dauert. Viele Millionen Euro fließen somit in die Ausbildung. Hilft das, den Mangel zu verringern?

Unsere Umschulungsmaßnahmen helfen selbstverständlich, das Defizit an Fachpersonal im Fahrbetrieb zu verringern, denn allein beim VDEF konnten alle Seminarteilnehmer, die am Ende die Prüfung bestanden haben, in Arbeit vermittelt werden.

Haben Sie überhaupt genug Ausbilder, um den Bedar fan Lokomotivführern auch aufgrund der Verkehrsverlagerung auf die Schiene zu decken?

Wir haben bundesweit zurzeit 15 festangestellte Dozenten, die ausschließlich in diesem Bereich der Ausbildung eingesetzt werden; hinzu kommen Dozenten, die fachspezifische Teile der Ausbildung übernehmen können. Darüber hinaus ist unser Fachbereich IFS, der für die Weiterentwicklung der interaktiven Lokfahrsimulatoren zuständig ist, mit Fachkräften besetzt, die auch persönlich über langjährige Erfahrung im Lokfahrdienst verfügen. Diese können ebenfalls für den Unterricht eingesetzt werden. Externe Fachkräfte runden unseren Dozentenpool ab. Dennoch sind wir kontinuierlich auf der Suche nach geeigneten Ausbildern.

Wie hoch Sind die Durchfallquoten bei den VDEF-Lokomotivführern und gibt es dabei Unterschiede zwischen Anwärtern mit und ohne Bildungsgutschein?

Sie liegen bei rund zehn Prozent. Triebfahrzeuge zu führen wird unterschätzt. So ist es auch zu erklären, dass einige Seminar teilnehmer zunächst der Meinung sind, dass nahezu jeder Lokomotivführer werden kann. Oft wird den Teilnehmern erst spät klar, dass man sehr viel wissen muss, um ein Triebfahrzeug sicher steuern zu können. Durch das zusätzliche Training in den Lokfahrsimulatoren bemerken einige erst, welchen Situationen sie in diesem Beruf ausgesetzt sein können. Die Fehleinschätzung ist unabhängig davon, aus welchen Berufen die Umschulungen erfolgen oder wer die Kosten der Qualifizierung trägt. Ein Vorteil kann sein, wenn Teilnehmer bereits Eisenbahnaffin sind.

Kann die Prüfung wiederholt werden?

Ja, als eine seit 2012 vom Eisenbahn-Bundesamt zugelassene Prüfungsorganisation sind wir zur Regelung der Wiederholungsprüfungen sowohl an die Vorgaben der Triebfahrzeugführerschein-Prüfungsverordnung (TfPV) als auch an die Triebfahrzeugführerscheinverordnung (TfV) gebunden. Signalkunde, Bremskunde, Fahrdienstvorschriften. Allein die Unterlagen zur Erlangung des EU-Triebfahrzeug-Führerscheins umfassen rund 5000 Seiten.

Womit haben die Lokomotivführer die größten Schwierigkeiten?

Die Evaluation unserer Bildungsmaßnahmen, die nach den Vorgaben der TfV durchgeführt werden, zeigt, dass die meisten Probleme bei Fahrten mit besonderem Auftrag zu finden Sind, beispielsweise beim Fahren auf Sicht beziehungsweise der 2 000 Meter-Regel (fehlende Vorsignalinformation). Durch den Praxisanteil und durch die gezielten Übungsfahrten in den Simulatoren versuchen wir, die Unregelmäßigkeiten aufzuzeigen, die in der Praxis auftreten können.

Welche Voraussetzungen muss ein junger Mensch mitbringen, um die Prüfung zu bestehen?

Neben technischem Verständnis, psychologischer und gesundheitlicher Eignung müssen die Teilnehmer auch einige persönliche Eigenschaften, wie Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit mitbringen, denn es kommt ja nicht nur auf das Bestehen der Prüfung an, sondern darauf, danach als „Einzelkämpfer" im beruflichen Alltag zu bestehen, um der hohen Verantwortung gerecht zu werden.

Wie viele Lokomotivführer werden direkt nach derAusbildung von den Eisenbahnverkehrsunternehmen übernommen?

In der Regel sind nach erfolgreichem Abschluss alle in Arbeit. Durch unsere guten Verbindungen zu den Bahnen werden oft schon während der Seminare Einstellungszusagen erteilt, was auch die Motivation, erfolgreich abzuschließen, positiv beeinflusst.

Was können/müssen die Unternehmenfür eine bessere Ausbildung zum Lokomotivführer tun?

Wir Sind im ständigen Austausch mit den Unternehmen. Sie werden immer auch in die Evaluation der Bildungsmaßnahmen einbezogen, bei denen sie involviert sind, sodass wir hier eine ständige Verbesserung/Optimierung erreichen. Wir sehen allerdings auch, dass für „bildungsferne" Teilnehmer die Ausbildungszeit zu kurz ist. Hier streben wir Vorschaltmaßnahmen an, in denen beispielsweise schulische Grundlagen aufgefrischt werden könnten und Lernen gelernt werden kann.

GDL und VDEF stehen für eine fundierte Ausbildung der Lokomotivführer. Wie stellen Sie sich die Zukunft der Ausbildung zum Lokomotivführer vor?

Wir Sind seit geraumer Zeit im Gespräch mit den Industrie-und Handelskammern und mit der Bundesagentur für Arbeit, um über das Konzept „Teilqualifikationen" dem Fahrpersonal den Weg bis zum Berufsabschluss „Eisenbahner im Betriebsdienst — Fachrichtung Lokführer und Transport" zu ebnen.

Und zuletzt: Corona, Digitalisierung und der Mangel an jungen Menschen. Wie sieht der VDEF in Zukunft aus?

Corona war und ist auch für uns und unsere Bildungszentren eine Herausforderung. Aber die Krisensituation konnten wir auch als Chance nutzen, die längst begonnene Digitalisierung von Unterrichts- und Übungseinheiten, voranzutreiben. Wir Sind uns sicher darüber einig, dass — gerade auch in der Ausbildung nach der TfV— praktische Ausbildung und Präsenzunterricht nie komplett durch digitale Lerneinheiten ersetzt werden können. Als unterstützende Maßnahmen jedoch ist die Digitalisierung heute schon nicht mehr wegzudenken. Der VDEF hat, durch seine langjährige Geschichte bestätigt, von Beginn an seine Betätigungsfelder erkannt, mit Fachkompetenz ausgebaut und Menschen durch gezielte Aus-, Fort- und Weiterbildung im beruflichen Erfolg begleiten können. Wir haben beispielsweise bereits in den 1930/40er-Jahren Lokomotiv-führer ausgebildet, später Eisenbahnern durch „Vorprüfungslehrgänge" zu einem gleichwertigen Bildungsstand verholfen, damit sie die gewünschten Beamtenlaufbahnen — unter anderem auch die „Lokführerlaufbahn" — einschlagen konnten. Durch unsere enge Zusammenarbeit mit den Unternehmen und Behörden Sind wir zuversichtlich, dass es uns weiterhin gelingen wird, den Bildungsbedarf rechtzeitig zu erkennen und Möglichkeiten zu gezielten Aus-, Fort- und Weiterbildungen anzubieten. Unsere Träger, zu denen ja auch die GDL gehört, werden uns auf unserem Weg sicher weiterhin mit ihrem Know-how begleiten.

Die Fragen stellte
Gerda Seibert.